Sonntag, 6. November 2016

Poker Face & Human

Hallo,
manche von Euch haben es vielleicht auf Instagram gelesen, dass ich derzeit meinen Cousin bei mir habe. Er ist 25, hat das Downsyndrom und ist Autist. Seine Mama wurde krank und konnte sich nicht mehr um ihn kümmern. In 25 Jahren kam das noch nie vor. Die zwei waren immer zusammen. 
Immer. 
Und dann kam es anders. Für mich war es selbstverständlich, ihn zu mir zunehmen. 
Ein Heim kam absolut nicht in Frage! Ich wusste das es nicht einfach werden würde, 
doch ich hätte es weder meiner Tante noch meinem Cousin antun können, ihn "abzuschieben". Niemals.  
Seit nun 4 Wochen ist er bei mir. 4 Wochen voller Freude, Liebe, Lachen und die Erkenntnis, das ein gemachter Haushalt bei weitem nicht so wichtig ist, wie die Zeit mit jemanden zu verbringen, der einen braucht. Prioritäten habe ich anders gesetzt. Weil ich es musste und am ende auch wollte.
Es wäre gelogen, wenn ich schreiben würde, das alles toll und wunderbar ist. Jemand mit dieser Behinderung, fordert einen - immer und ständig. Durchschlafen ist nicht so sein Ding, er bestimmt das Tempo (und es nicht gerade schnell, was mir morgens oft Schweißperlen auf die Stirn treibt, da wir pünktlich beim Bus sein müssen), ihm wird nicht langweilig dabei ein Wort oder einen Satz 1000 hintereinander zu sagen und dann sind da noch seine "Ticks": Türen und Fenster müssen zu, Licht in bestimmten Räumen entweder an oder aus, Sofakissen müssen in einer (für ihn) bestimmten Position liegen (und wehe die Katze zerstört das System) und auch die drei Fernbedienungen auf dem Sofatisch werden von ihm (schon fast liebevoll) ordentlich aufgereiht.
Ich arbeite nebenbei (gefühlt ist es derzeit wirklich "nur" nebenbei) Vollzeit - und so manchen Abend, könnte ich im Stehen einschlafen. Besonders wenn er mich in der Nacht davor um 3 Uhr morgens aus dem Bett geholt hat. 
Ja, es ist anstrengend.
Doch dafür bekomme ich auch so viel: Liebe und ganz viel Freude. Ich habe in den letzten vier Wochen mehr gelacht, als in den letzten vier Monaten. Wirklich. Wir haben zusammen unwahrscheinlich viel Spaß!

Mein Cousin ist ein riesengroßer Musikfan. Er liebt Shakira, Pink, Lady Gaga, Silbermond, Madonna und Co.
Er kann innerhalb von Sekunden erkennen, welcher Interpret sie gerade im Radio spielen. Echt unglaublich. Zwei meiner letzten Layouts mit Fotos von meinem Cousin haben als Titel Musiktitel, die er gut findet.
Hier "Poker face":




Eigentlich müsste es " No Poker Face" heißen, denn er verstellt sich nie. Er ist immer ehrlich und zeigt immer wie es ihm geht. Eine tolle Eigenschaft, wie ich finde. Ich kann so viel von ihm lernen.


Das zweite Layout liegt mir sehr am Herzen: Human.
Er freut sich jedes Mal wenn dieses Lied im Radio kommt:


Und ich finde es so passend. Wenn ich mit ihm einkaufen bin oder in der Stadt, dann schauen die Leute. Klar, wir fallen auf. An sich habe ich kein Problem damit, doch was mir verdammt doll weh tut, ist, wenn die Leute nicht aufhören zu "glotzen" und ihre Blicke angewidert ausschauen.
Vielleicht sind solche Momente, die ich in der Vergangenheit erlebt habe, der Grund dafür, das ich immer lächelnd mit ihm unterwegs bin. Vielleicht ist es Selbstschutz - vielleicht möchte ich den Leuten auch nur damit vermitteln "Hey, er ist zwar anders, aber nicht weniger wert als ihr!" 
Es sind nicht nur "diese" Blicke von anderen Menschen, die mich verletzten, es sind auch Sätze von Menschen im Alltag wie "Ey, bist du behindert, oder was?" oder "Das ist echt behindert...".
Denken diese Leute denn gar nicht nach? Als wäre das Wort "behindert" ein Schimpfwort! Ist es schlimm behindert zu sein? NEIN! 

Human after all.







 Wenn alles gut geht, wird er in einer Woche wieder bei seiner Mama sein. Und ich weiß jetzt schon, das ich ihn so doll vermissen werde. Er hat mein Leben die letzten Wochen so bereichert.
Und nicht nur das: Ich habe zu so vielen Dingen im Leben eine andere Sichtweise und Einstellung bekommen. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Habt einen schönen Sonntag, 
Sarah 


Kommentare:

  1. Sarah, ich bewundere dich soooo sehr dafür! Mir geht wirklich das Herz auf, wenn ich deine Worte hier lese.
    Als Kind & Teenie war ich in einer Kirchengemeinde Mitglied, die auch viel mit Behinderten zusammen gearbeitet hat. Wir haben sie für den Gottesdienst abgeholt, mit ihnen am Erntedankfest gemeinsam gegessen oder gebastelt. Ich konnte die Reaktionen von Anderen auch nie verstehen. Und ich bin dankbar, dass ich so aufgewachsen bin, dass ich diese Erfahrung gemacht habe und somit nicht diese doofe Sichtweise bekommen habe, wie viele andere Menschen. Mich nerven diese Reaktionen auch immer, wenn ich sie auf der Straße miterlebe. Ich finde das einfach so unfair. Es kann uns alle treffen und dann wollen wir doch auch nicht beschimpft werden. Ich finde es schön, dass du so selbstbewusst damit umgehst. Davon sollten sich so viele Menschen eine Scheibe abschneiden!

    Ich hoffe natürlich, dass es seiner Mama wirklich bald besser geht und er wieder zu ihr kann. Was ja nicht heißt, dass ihr euch nicht mehr habt. Dann kommt er eben zum Harry Potter gucken und Lieder in Dauerschleife hören mal wieder zu dir. (:

    Und ich mag deine Layouts so sehr. So reduziert, aufs Wesentliche.

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  2. Sarah, i love you! Für genau eben so einen Post, deine wunderbaren Worte und Taten. <3 Du gibst so viel (auch mir) und ich möchte dich grad drücken. Aus unterschiedlichsten Gründen! #nurnocheinpaarTage :)

    Ihr habt so schön gesungen heute morgen! Danke nochmal! :*

    Was das Verhalten der Fremden angeht... Sie wissen es nicht besser, schauen vielleicht aber auch aus Bewunderung und Respekt? Ganz bestimmt, auch solche Blicke gibt es. Die fallen aber vielleicht nicht so auf. :) Ich jedenfalls glaube ganz fest daran.

    Drück dich! :*

    PS: Hammer Layouts! So wunderbar harmonisch und man hat das Gefühl es spiegelt eure Beziehung zueinander wider. <3

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  3. Soo toll, deine Gedanken, dein Handeln und deine Layouts...

    und der Umgang...ich finde ihn nicht immer leicht...schaue wahrscheinlich auch manchmal sehr doof....versuche aber dennoch immer zu lächeln bei solchen Begegnungen

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  4. Ich mag hierzu jetzt gar keine Romane schreiben - außer: ich drück dich feste... Und deinen Cousin :-)

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  5. Ich ziehe den Hut vor Dir, dass du die Verantwortung für deinen Cousin übernommen hast.
    Das ist sicher nicht leicht, aber die Glücksmomente machen alles wieder wett, denke ich... und genau das beschreibst du ja auch in deinem tollen Beitrag.
    Deine Layouts sind richtig toll.... und gefallen mir allesamt.

    Liebe Grüße
    Heidi

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  6. Liebe Sarah

    Ich habe Gänsehaut bekommen beim Lesen dieses Beitrags. Unglaublich, dass du das für deine Tante und deinen Cousin machst. Das ist heutzutage leider nicht selbstverständlich und ich ziehe auch meinen Hut vor dir.

    Das, was du beschreibst, kenne ich auch. Es ist zwar anders...seit April letzten Jahres bestimm ein kleiner, süsser Mann unser Leben und vieles ist ähnlich, wie du jetzt mit deinem Cousin erlebst. Aber wie du sagst...auch wenn man tod müde ist etc. die schönen Momente bleiben in Erinnerung.

    In unserer heutigen Gesellschaft sind "unperfekte" Menschen abgestempelt. Das verstehe ich nicht. Meine Schwägerin hat zwei behinderte Mädchen und sie sind so liebenswerte Persönlichkeiten. Unsere Familie liebt sie genau gleich wie den gesunden Bruder.

    Ich drück dich!

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  7. Übrigens, deine Layouts sind ganz toll geworden.

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