Sonntag, 19. März 2017

Da sein.

Nach meinem Blogpost "Veränderung" haben sich viele Menschen bei mir gemeldet und mir liebe Worte geschrieben. Vielen Dank für Eure Anteilnahme.


Vor drei Jahren bekam mein Opa die Diagnose "Darmkrebs".
Als meine Oma mich anrief und es mir unter Weinen sagte, sackte ich zusammen.
Der Satz "es zog mir den Boden unter den Füßen weg" hatte nun eine Bedeutung für mich.
Ich fiel in ein tiefes schwarzes Loch.
Mein Opa. Mein Held. Meine Vaterfigur. Mein Vorbild. Mein Ein und Alles.
Ich konnte es nicht begreifen. Auch da fragte ich mich immer "Warum?"
Wenn ich zu Hause alleine war, konnte ich schwach sein. Ich konnte weinen - stundenlang. Nächtelang. Doch wenn ich bei ihm war, war ich stark. Stark für ihn.
Es gab einige Operationen und dann auch Komplikationen. Angst war mein ständiger Begleiter.
Seit dem Anruf von meiner Oma, war mein Leben nicht mehr so, wie vorher.
Die Unbeschwertheit war weg.
Nach vielen Tiefen und drei Jahre später, kann ich Euch schreiben, dass mein Opa am Montag seinen 80. Geburtstag gefeiert hat. Ihm geht es prächtig. Natürlich hat der Krebs Spuren hinterlassen :
Künstlichen Darmausgang, der Port (für die Chemotherapie) ist noch da, Narbe auf dem Bauch...
Doch vor ein paar Monaten bekam mein Opa die Nachricht, das der Tumor und auch die Metastasen auf der Leber nicht weiter gewachsen sind! Also braucht er erstmal keine Chemo und auch keine Bestrahlung. Ich kann kaum in Worte fassen, was das für ein schöner Moment war!
Schon vor drei Jahren habe ich gelernt, dass es die kleinen Dinge im Leben sind, die wertvoller sind, als all die materiellen Dinge.


Das war meine erste Begegnung mit dem Krebs.
Und leider sollte das nicht meine letzte gewesen sein.
Noch ein geliebter Mensch, gerade mal ein paar Jahre älter als ich, bekam vor zweieinhalb Jahren die Diagnose.
Ohnmacht machte sich breit. 
In den letzten zweieinhalb Jahren gab es so viele auf's und ab's. 
Das Monster schenkte Hoffnung und es nahm sie auch wieder. 
Was musste sie alles ertragen! Was mussten ihr Mann, ihre Familie und Freunde alles ertragen! 
Es hat ihr Leben und das der Menschen, die ihr nahe stehen, grundlegend verändert.
Krebs ist ein Monster.
Krebs ist unberechenbar.
Krebs ist grausam.
Vor fast sechs Jahren haben wir uns kennengelernt. Davor und auch danach habe ich nie mehr einen Menschen kennengelernt, der so Willenstark ist, wie sie!
Auch das Monster konnte ihr diese Willensstärke nicht nehmen.
Sie kämpft. Seit zweieinhalb Jahren. Jeden Tag.
Wir alle, die sie lieben, sind ihre Armee. Wir sind stark für sie und bereit alles, wirklich alles, bedingungslos für sie zu tun. In guten Zeiten waren wir für sie da und in schlechten Zeiten halten wir ihre Hand und versuchen ihr die Angst zunehmen. 
Leider können wir nicht mehr machen. Wir können ihr  den Schmerz nicht nehmen.
Und diese Erkenntnis nicht mehr für sie machen zu können, tut so weh.
Hilflos. 
Ich habe zwei Nächte bei ihr auf der Palliativstation verbracht. Die erste Nacht war so schön. Wir haben uns so viel unterhalten, waren offen und ehrlich zueinander. Wir haben uns den Sternenhimmel auf dem Balkon angeschaut. Wir haben gelacht und in Erinnerungen geschwelgt. Wir haben so viele schöne Sachen erlebt! All diese Erinnerungen sind goldwert für mich. Sie haben mehr wert für mich, als alle Dinge die ich besitze!
An diesem Abend habe ich versucht, mir alles und jede Kleinigkeit genau zu merken. Dieser Abend sollte eine weitere schöne Erinnerung in meiner Schatzkiste werden. 
Das wurde sie auch. Ich bin dankbar für diesen Abend.
Die zweite Nacht verlief leider anders. Sie hatte fürchterliche Schmerzen. Wir haben kein Auge zu gemacht. Oft musste die Nachtschwester kommen. Ich habe sie gefragt, ob ich irgendwas für sie machen kann. Die Nachtschwester sagte: "Nein, du kannst nur für sie da sein. Halte ihre Hand, wenn sie es möchte." Ich habe mich so ohnmächtig gefühlt. Zwischendurch wurde ich so wütend! Was sollte diese ganze Scheiße? Warum muss sie so etwas durchmachen? Ich war wütend auf diese Machtlosigkeit! Verdammt sauer auf dieses Monster!
Wir Menschen können auf den Mond fliegen, können Atomwaffen bauen und Leben klonen - aber wir können keinen Krebs besiegen? 
Ich verstehe es einfach nicht.

Sich generell mit dem Tod auseinanderzusetzen macht keiner von uns gerne. Ich empfinde es in der Gesellschaft als ein Tabuthema. In einer solchen Konsumgesellschaft, in der wir leben, wo höher, schneller, weiter an erster Stelle steht, passt so ein Thema einfach nicht rein. 
Doch irgendwann holt uns alle dieses Thema ein. Wir werden gezwungen einen Weg mit dem Tod zu finden.  Und jeder geht anders damit um. Ich habe in den letzten drei Jahren viele trauernde Menschen gesehen. Alle von ihnen haben Phasen der Wut, der Angst, der Traurigkeit und der Zuversicht  durchlebt. Ich auch. Und doch waren die Phasen bei jedem anders.
Menschen trauern zusehen, tut weh. Einander festhalten tut gut. Wir alle sind mehr miteinander verbunden. Wir halten zusammen. 
Wir alle werden einen geliebten Menschen verlieren. 
Es ist nur eine Frage der Zeit.
Und wenn es soweit ist, werden wir für sie da sein. 
Das ist das einzige, was wir für sie tun können.
Da sein.   










1 Kommentar:

  1. Soooo schön geschrieben. Krebs braucht wirklich keiner. Drücke dich ganz arg.

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