Sonntag, 11. Juni 2017

Weitermachen




Laut Verena Knast gibt es vier Phasen der Trauer:

Phase 1 : Leugnen, Nicht-wahr-haben-wollen

Phase 2 : Intensive aufbrechende Emotionen

Phase 3 : Suchen, Finden, Loslassen 

Phase 4 : Akzeptanz und Neuanfang

Schön wäre es ja, wenn man eine Phase nach der anderen abhandeln könnte. Aber so ist es nicht. Nicht bei mir.
Was ich in den letzten Wochen gelernt habe, ist, das die Trauer unberechenbar ist.
Es gibt Tage, an denen bin ich euphorisch und ich glaube zu wissen, das ich meinen Weg ohne Anna finden werde. 
Und dann gibt es die Tage, wo mich ganz plötzlich die Welle der extremen Traurigkeit überrollt. 
Der Gedanke "Anna kommt nie wieder" ist dann so absurd - und es fühlt sich für ein paar Sekunden an, als hätte ich es in dem Augenblick gerade erst erfahren. 
Es schmerzt - unheimlich doll und die Sehnsucht nach ihr steigt ins unermessliche. 
Es gibt aber auch Tage, an denen ich viele Fotos von ihr anschaue und wunderbare Erinnerungen kommen hoch und ich lächle. Ich freue mich darüber und ich bin so so dankbar.
Wir hatten so schöne und intensive Zeiten zusammen. Ich halte daran fest. Ganz fest. Für immer.

Vor ein paar Wochen hatte ich den extremen Wunsch nach einer Veränderung. Noch einer. 
Doch diesmal wollte ich entscheiden. 
Bei Anna hatte ich keinen Einfluss auf die Veränderung - die Entscheidung wurde mir abgenommen. 
Ich habe mich dazu entschieden, mich beruflich zu verändern. Seit dem 01. Juni arbeite ich nun nicht mehr im Kindergarten, sondern in einer integrativen Krippe. Neues Team, neue Arbeitszeiten, weniger Stunden arbeiten, mehr Lebenszeit für mich. 
Diese Veränderung hat mir Aufschwung gegeben.


Anfang des Jahres habe ich mir zwei große Ziele gesetzt, die ich 2017 erreichen möchte.
Ich war bis zu Anna's Tod sehr motiviert und habe in kleinen Schritten schon etwas geschafft, was mich weitergebracht hat. 
Anna's Tod hat mich gelähmt. Er nahm mir all die Kraft und die Motivation weiterzumachen.
Verständlich - für eine gewisse Zeit.
Nun möchte ich weitermachen. Weitermachen für Anna. Das hätte sie so gewollt - schließlich hat das eine Ziel viel mit ihr zu tun:

Ich möchte im September den Jakobsweg gehen.

Anna und ich haben viel darüber gesprochen und wäre ihre Krankheit nicht gewesen, wäre sie so gerne mitgekommen. Sie hat mich in meinem Vorhaben immer bestärkt und unterstützt. 
Vor ihrem Tod habe ich mich täglich mit dem Thema auseinandergesetzt. Ich habe viel darüber gelesen, habe angefangen zu trainieren und habe mir Wanderschuhe gekauft.
Und dann brach es ab. 
Jetzt nehme ich die Zügel wieder in die Hand. Das Ziel ist wieder vor Augen und nächste Woche möchte ich den Flug buchen.
Leider kann ich mir nicht mehrere Wochen Urlaub nehmen, um komplett die 800 km zu gehen (doch irgendwann werde ich es machen!). Hinzu kommt, das ich erstmal schauen muss, ob ich es körperlich schaffe. Ich habe eine beidseitige Hüftfehlstellung und bei extremer Belastung habe ich enorme Schmerzen. Deshalb fange ich "klein" kann:
Ich starte in Sarria, ca 110 km von Santiago de Compostela entfernt.
110 km laufen für Anna. 110 km laufen für mich.
Ich beginne den Weg mit Fragen und vielleicht komme ich mit Antworten wieder nach Hause.

Alles was ich brauche, ist weniger.

Mein zweites Jahresziel. Ich möchte Ende des Jahres nur noch das besitzen, was mich glücklich macht. In meinem Besitz sind so viele unnötige Sachen. Auch wenn sie zum Teil hinter verschlossenen Türen sind, weiß ich, das sie dort sind und es belastet mich.
Klamotten, Bücher, Dekokram, Geschirr, Bastelzeug, Cd's....
Meine Liste ist lang. Einiges habe ich schon geschafft und vieles liegt noch vor mir. 
Aber ich bin optimistisch. An Silvester möchte ich in unserer aufgeräumten Wohnung sitzen - und um mich herum sollen nur Dinge sein, die mir wichtig sind. 
Ich werde es schaffen.


Ich möchte die guten Tage nutzen, um Schritte nach Vorne zu gehen.
Schlechte Tage wird es auch geben. Das ist ok und sie helfen vielleicht auch, alles zu verstehen - irgendwann.
Nur nicht aufgeben. Den Blick nach vorne gerichtet. Weitermachen.

Sarah






Kommentare:

  1. So oft sitze ich hier und möchte die richtigen Worte hier lassen und dann breche ich ab und schreibe nichts mehr, weil jedes geschriebene Wort nicht passt. Stattdessen habe ich dir und Anna unendlich viele Kerzen angezündet und an euch gedacht. Ich war wie gelähmt, denn der Krebs nahm auch mir sehr kostbare Menschen, zum einen meine Freundin (28) und meinen Opa (80). Während mein Opa ein Wunderschönes Leben hatte, hatte meine Freundin das noch vor sich. Ich habe so mitgefühlt und konnte dennoch nichts da lassen. Man kann irgendwann damit leben aber es wird immer Momente der Trauer geben und ich finde das gut so. Kleine Auszeiten um wieder an das wichtige im Leben zu denken. Deine Ziele gefallen mir und ich weiß das du Sie schaffen wirst! Außerdem gratuliere ich dir zu deiner neuen Arbeitsstelle, ich finde du bist auf einem sehr guten Weg.

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